Kongress: Kritische Theorie und Feminismus

Eine kri­ti­sche Theo­rie der Gesell­schaft und eine femi­nis­ti­sche Kri­tik sind in ihrem Zugang zur Gesell­schaft ver­bun­den, bei­de wei­sen zugleich prak­ti­sche sozia­le Kon­flik­te und gesell­schaft­li­che Wider­sprü­che aus. Sol­che wis­sen­schaft­lich zu befra­gen heißt, die Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit die­ses Gegen­stan­des zu pro­ble­ma­ti­sie­ren: Also Erkennt­nis aus­ge­hend von Kri­tik zu voll­zie­hen.
Den­noch tre­ten femi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ven auf Gesell­schaft und sol­che Ansät­ze, die an die Kri­ti­sche Theo­rie anschlie­ßen, in gegen­wär­ti­gen Debat­ten immer wie­der in einem Span­nungs­ver­hält­nis auf. Metho­di­sche Fra­gen – zur Form eines gesell­schaft­li­chen Sub­jekts oder des­sen psy­cho­so­zia­ler Kon­sti­tu­ti­on – spie­len in die­ser Gegen­über­stel­lung eine wich­ti­ge Rol­le. Glei­ches gilt für die erkennt­nis­theo­re­ti­schen Modi, durch die Gesell­schaft begrif­fen wer­den soll. So war die fun­da­men­ta­le Funk­ti­on der Model­le einer Freud­schen Psy­cho­ana­ly­se für die Frank­fur­ter Schu­le auf Grund ihrer Zen­trie­rung des männ­li­chen Sub­jekts und ihrer Ten­denz zur Fest­schrei­bung geschlecht­li­cher Rol­len­ver­tei­lung immer wie­der Anlass für femi­nis­ti­sche Kri­tik. Kri­ti­sche Theo­rie steht wie­der­um sprach­phi­lo­so­phisch ope­rie­ren­den Begrif­fen eines Sub­jekts, wie sie etwa für den Queer-Femi­nis­mus wich­tig sind, meist reser­viert gegen­über. Auch in der Ana­ly­se und Bewer­tung ästhe­ti­scher For­men und mas­sen­me­di­al struk­tu­rier­ter Öffent­lich­keit besteht Kon­flikt­po­ten­ti­al. So beto­nen etwa die Cul­tu­ral Stu­dies die Rele­vanz pop­kul­tu­rel­ler Kunst­for­men und begrei­fen sie als Mög­lich­keit eines eigen­sin­ni­gen Aus­drucks, aus­ge­hend von der Erfah­rung gesell­schaft­li­cher Unter­drü­ckung. Gera­de dar­in erken­nen Vertreter*innen der Kul­tur­in­dus­trie-The­se wie­der­um ein Moment der Unter­drü­ckung: eine Tri­via­li­sie­rung, durch die Leid noch zum Zwe­cke des ‚Ver­gnü­gens‘ ver­wert­bar erscheint und die einen tat­säch­li­chen Aus­druck von Nicht-Iden­ti­tät unter­mi­niert. Zugleich man­gelt es in den sich mate­ria­lis­tisch geben­den Über­le­gun­gen über die Markt­för­mig­keit des Wirk­li­chen in der Regel an einem Ver­ständ­nis von repro­duk­ti­ver Arbeit als essen­ti­ell für die Funk­ti­ons­wei­se von Kapi­ta­lis­mus.
Die­se Kon­flik­te sind nur eini­ge Bei­spie­le, anhand derer die Viel­zahl von Fra­gen deut­lich wer­den, die eine qua­li­fi­zier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ver­hält­nis von Kri­ti­scher Theo­rie und Femi­nis­mus auf­wer­fen muss: Wel­che Gel­tung und Reich­wei­te kön­nen sol­che kri­ti­schen Metho­den für sich behaup­ten? Müs­sen sie so all­ge­mein ange­legt sein, wie der tota­le gesell­schaft­li­che Gesamt­zu­sam­men­hang, auf den sie ange­wen­det wer­den oder wäre Kri­tik immer auf jenen sub­jek­ti­ven Zugang zu Gesell­schaft zu beschrän­ken, von dem aus sie for­mu­liert wird?
Die­sen und ande­ren Fra­gen wol­len wir uns vom 8. bis zum 9. Febru­ar 2019 an der Goe­the- Uni­ver­si­tät Frank­furt am Main wid­men. Im Rah­men die­ser Tagung möch­ten wir Bestand, Mög­lich­kei­ten und Kon­flik­te von For­schung und Theo­rie­bil­dung zum Ver­hält­nis von Femi­nis­mus und Kri­ti­scher Theo­rie erfas­sen. Wir laden hier­zu alle Inter­es­sier­ten herz­lich ein, teil­zu­neh­men und mit uns zu dis­ku­tie­ren.

Programm

Frei­tag, 8. Febru­ar 2019

13:00 – 13:30     Begrü­ßung

13:30 – 15:30     Panel I: Par­ti­ku­la­ris­mus und Uni­ver­sa­lis­mus: 

Chris­ti­ne Achin­ger: Uni­ver­sa­lis­mus und Dif­fe­renz in der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne: Bil­der von Ras­se, Geschlecht und des Jüdi­schen als Kon­stel­la­ti­on 

Dag­mar Wil­helm: Nega­ti­ve Dia­lek­tik und Femi­nis­mus: das Nicht-iden­ti­sche und das “Eini­gen­de“

Alex­an­dra Col­ligs: Rela­ti­vis­mus statt Uni­ver­sa­lis­mus. Queer-Femi­nis­mus und Iden­ti­ty  Poli­tics.

16:30 – 18:30  Panel II: Kri­ti­sche Theo­rie und femi­nis­ti­sche Ideo­lo­gie­kri­tik: 

Katha­ri­na Lux: Wel­ches Sub­jekt Frau? Femi­nis­ti­sche Sub­jekt­kri­tik in der auto­no­men Frau­en­be­we­gung 

Kosch­ka Lin­ker­hand: Das poli­ti­sche Sub­jekt Frau. Was kann ein mate­ria­lis­ti­scher  Femi­nis­mus leis­ten?

Bar­ba­ra Umrath: Von Marx zur Kri­tik der Zwei­ge­schlecht­lich­keit

19:00 – 20:30     KEYNOTE 

Regi­na Becker-Schmidt:  Arbeits- und Lebens­ver­hält­nis­se von Frau­en im Span­nungs­feld von Uni­ver­sa­li­sie­rung und Par­ti­ku­la­ris­mus. Ein femi­nis­ti­scher  Blick auf den Struk­tur­zu­sam­men­hang  von gesell­schaft­li­cher Frag­men­tie­rung, der Öko­no­mi­sie­rung von markt­fer­nen Sozi­al­be­rei­chen und andro­zen­tri­schen Sexu­al­ord­nun­gen

Sams­tag, 9.Februar 2019

10.00 – 12:00  Panel III: Geschlecht, Arbeit, Kapi­ta­lis­mus:

Sarah Speck: Ungleich­zei­tig­kei­ten, Wider­sprü­che, Para­do­xi­en – Eine  gesell­schafts­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ve auf den Wan­del von Arbeits- und  Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen

Fran­zis­ka Haug: „Hier wird begra­ben ein Kör­per, der mich unter sich begra­ben hat“.  Die Pro­duk­ti­on von Geschlecht durch Arbeit bei Tho­mas Braschs „Lovely Rita“

13:00 – 15:00     Panel IV: Psy­cho­ana­ly­se und Kri­ti­sche Theo­rie: 

Sebas­ti­an Win­ter: Anti­gen­de­ris­mus – Abwehr des Sexua­li­täts­di­lem­mas                             

Chris­ti­ne Kirch­hoff:  Nicht-Iden­ti­sches und die Sehn­sucht nach der „vol­len Iden­ti­tät“. …und was will eigent­lich das Weib?

Ilka Quin­deau: „Männ­lich, weib­lich, divers“ – zur Ambi­va­lenz geschlecht­li­cher  Iden­ti­fi­zie­run­gen

15:30 – 17:30     KEYNOTE 

Karin Stö­g­ner: Weib­lich­keit und Wider­spruch. Spu­ren einer kri­ti­schen Theo­rie der Geschlech­ter­ver­hält­nis­se bei Ben­ja­min und Ador­no

Abschluss­dis­kus­si­on

Face­book-Ver­an­stal­tung: https://www.facebook.com/events/2270967133160311/

Artikel von Karin Stögner: „Jenseits des Geschlechterprinzips“

Für alle, die Karin Stö­g­ners Vor­trag „Jen­seits des Geschlech­ter­prin­zips – Kri­ti­sche Theo­rie und Gen­der“ ver­passt haben oder noch­mal nach­le­sen möch­ten: ein Arti­kel der Refe­ren­tin, der unter dem Titel „Jen­seits des Geschlech­ter­prin­zips. Zum Pro­blem von Gen­der und Iden­ti­fi­ka­ti­on in der Kri­ti­schen Theo­rie“ in der sans phra­se von Herbst 2016 erschien.

Deutschrap und Antisemitismus“

Am Frei­tag, 18.08.2017 um 19:00 Uhr im Café KoZ

Bevor ich mir von irgend­ei­nem Rap­per den Nah­ost­kon­flikt erklä­ren las­se, hör ich lie­ber einen Song übers Ficken“ (Stai­ger 2015)

Nicht erst seit dem offe­nen Brief des Zen­tral­rats der Juden gegen den Auf­tritt von Kol­le­gah beim Hes­sen­tag und der erfolg­ten Absa­ge der geplan­ten Rap-Night ist Anti­se­mi­tis­mus im Deutschrap ein The­ma.
Chu­cky Gold­stein ist Kul­tur­wis­sen­schaft­ler und frei­er Autor zum The­men­schwer­punkt Pop- und Rap­kul­tur. Er wird dem Ver­hält­nis von Deutschrap und Anti­se­mi­tis­mus nach­ge­hen und ins­be­son­de­re auf die Rol­le von Deutschrap als Sub­kul­tur und von Anti­se­mi­tis­mus als „nega­ti­ve Leit­idee der Moder­ne“ (Salz­born) ein­ge­hen. Das Vor­ge­stell­te wird er mit dem Jour­na­lis­ten und ehm. Label­be­trei­ber Mar­cus Staiger dis­ku­tie­ren.

Im Anschluss:

Jenseits des Geschlechterprinzips“ – Kritische Theorie und Gender

Vor­trag mit Dr.in Karin Stö­g­ner (Uni­ver­si­tät Wien)

Diens­tag, 04.07., 20:00 Uhr, IG Far­ben Cam­pus PEG 1.G 165

Kri­ti­sche Theo­rie ist nicht im enge­ren Sinn femi­nis­ti­sche Theo­rie, bie­tet jedoch eine Rei­he von Anknüp­fungs­punk­ten. Das Ver­hält­nis des Femi­nis­mus zur älte­ren Kri­ti­schen Theo­rie ist des­halb zumin­dest ambi­va­lent. Und doch fällt auf, dass in den Pro­gramm­schrif­ten der älte­ren Kri­ti­schen Theo­rie den Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen brei­ter Raum zukommt: Sub­jekt­kon­sti­tu­ti­on, Arbeits­tei­lung, Ver­hält­nis von Gesell­schaft und Natur – sol­che Kon­stel­la­tio­nen von Zivi­li­sa­ti­on wer­den von Hork­hei­mer und Ador­no zumal an den Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen nicht nur exem­pli­fi­ziert, son­dern die­se bil­den manch­mal, unauf­fäl­lig, das Zentrum, um das die Begrif­fe krei­sen, mit denen sie die Dia­lek­tik von Mythos und Auf­klä­rung fas­sen.
Der Vor­trag geht dar­auf ein, wie in der Theo­rie Hork­hei­mers und Ador­nos die Kate­go­rie Geschlecht gefasst ist, wel­che Bedeu­tung ihr zukommt und in wel­chem Ver­hält­nis zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Struk­tur­ka­te­go­ri­en sie sich bewegt. Aus­ge­hend von einer Kri­tik des Ödi­pus­kom­ple­xes als Vor­weg­nah­me einer erst gesell­schaft­lich errich­te­ten Gen­der­bi­na­ri­tät wird auf die Kri­tik einer Iden­ti­täts­lo­gik ein­ge­gan­gen, wel­cher die Geschlech­ter­ver­hält­nis­se zen­tral sind.

Pop, Politik, Populismus“

Vor­trag mit Klaus Wal­ter und Felix Traut­mann

Frei­tag, 24. März, 19:30, Café KoZ

Nach Donald Trumps Wahl­sieg haben sich erwar­tungs­ge­mäß vie­le Pop­stars ent­setzt, empört und bestürzt geäu­ßert. Die Oba­mas pfleg­ten einen engen Umgang mit Pop, Barack gab sich als Fan von Chan­ce the Rap­per und Kendrick Lamar, Künst­le­rin­nen wie Nicki Minaj und Janel­le Monáe, Ste­vie Won­der und Usher gin­gen im wei­ßen Haus aus und ein, Michel­le begeis­tert in der Come­dy-Show »Car­pool Karao­ke« mit Gesangs­ein­la­gen und einem Rap mit Mis­sy Elliott.

Die Oba­mas impor­tier­ten Posen aus dem Pop und Soul in die Poli­tik und insze­nier­ten sich so selbst wie Pop­stars. Die Alli­anz aus Pop und Poli­tik pro­pa­gier­te dabei einen Wer­te­ka­non, nach dem kein Mensch wegen Haut­far­be, Geschlechts und sexu­el­len Orientie­rung dis­kri­mi­niert wer­den darf. Trump dien­te das wie­der­um als Vor­la­ge für die Feind­bild­kon­struk­ti­on einer Pop-und Polit-Eli­te, die mit ihrer poli­ti­cal cor­rec­t­ness die Bevöl­ke­rung schi­ka­niert.

Bedeu­tet die Wahl von Trump also auch den Nie­der­gang des Pop oder nur eine Ver­schie­bung sei­ner Rol­le? Klaus Wal­ter wird in sei­nem Vor­trag dem Ver­hält­nis von Pop und Poli­tik nach­ge­hen, dar­an anschlie­ßend wird Felix Traut­mann das „Popu­lä­re“ als gegen­wär­tig stark umkämpf­ten Bezugs­punkt zwi­schen Popu­lis­mus und cul­tu­ral poli­tics nach­zeich­nen.

Im Anschluss BARABEND mit Plat­ten

Dogmatik und Differenz I: Epistemische Architekturen. Zu den Denkformen der Diaspora und Kritischer Theorie“

Vor­trag mit Almút Sh. Bruck­stein (Ber­lin) und einer Respon­se von Tho­mas Ves­ting (Frank­furt)

Mitt­woch, 5. Janu­ar, 18:00 Uhr, Uni Frank­furt HZ 14

Almút Sh. Bruck­stein (Ber­lin) wird in ihrem Vor­trag die kos­mo­po­li­ti­schen Struk­tu­ren rab­bi­ni­scher und ande­rer dia­spo­ri­scher Denk­for­men und ihre Ver­wandt­schaft zur Denk­tra­di­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie expli­zie­ren. Hier­zu über­setzt sie die Denk­mus­ter von rab­bi­ni­schen Tex­ten, von Traum­tex­ten, Dich­tung und Mne­mo­sy­ne als eine beson­de­re Art von Denk­räu­men und gibt einen Aus­blick auf ihre Arbeit in der Gestal­tung von öffent­li­chen Räu­men für Kunst und kri­ti­schen Dis­kurs.

Tho­mas Ves­ting (Frank­furt) wird in sei­ner Respon­se die Bedeu­tung des her­me­neu­ti­schen Ansat­zes für ande­re Wis­sen­schaf­ten, insb. für das Recht her­aus­stel­len und in Bezug zum Begriff des Expe­ri­men­tal­sys­tems set­zen.

ReMarkierung, Veruneindeutigung, Vervielfältigung. Geschlecht und Sexualität im Zuge neoliberaler Transformationsprozesse“

Vor­trag mit Andrea Mai­ho­fer (Basel)

Don­ners­tag, 12. Janu­ar 2017, 18 Uhr (c.t.), HZ 14

Der Vor­trag ver­han­delt die der­zeit zu beob­ach­ten­de Gleich­zei­tig­keit einer Ver­flüs­si­gung von Geschlech­ter­iden­ti­tät und eines wie­der­erstar­ken­den Bedürf­nis­ses nach ein­deu­ti­gen geschlecht­li­chen Iden­ti­tä­ten, das in aktu­el­len „Anti-Gen­der-Dis­kur­sen“ auf­taucht, die sich gegen Gleich­stel­lungs­po­li­tik, Gen­der-Stu­dies an den Uni­ver­si­tä­ten und Sexu­al­päd­ago­gik rich­ten.

Hegemonie und Individualisierung – Widerstandspotenziale des Pädagogischen“

Vor­trag mit Thi­lo Nau­mann (Darm­stadt) und Chris­tia­ne Thomp­son (Frank­furt)

Don­ners­tag, den 15.12.2016, um 18 Uhr c.t. in HZ 14

Thi­lo Nau­mann wird zu den öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Dimen­sio­nen der gegen­wär­ti­gen Öko­no­mi­sie­rungs- und Ent­gren­zungs­pro­zes­se und ihrer Wir­kung auf Sub­jek­ti­vie­rungs­pro­zes­se in der Päd­ago­gik refe­rie­ren. In der Dis­kus­si­on wer­den wir uns mit der Fra­ge nach der Mög­lich­keit einer eman­zi­pa­to­ri­schen Päd­ago­gik aus­ein­an­der­set­zen, die gesell­schafts- und insti­tu­ti­ons­kri­tisch vor­geht und Wider­stands­räu­me auf­macht.

Nationen und Kollektive: Quo vadis, Türkei?“

29.11.2016 um 18 Uhr c.t., HZ 14 am IG-Far­ben-Cam­pus

Natio­na­lis­mus heu­te ist über­holt und aktu­ell zugleich. Über­holt, weil ange­sichts der zwangs­läu­fi­gen Ver­bin­dun­gen von Natio­nen zu Groß­blö­cken unter der Supre­ma­tie der mäch­tigs­ten, wie sie allein schon die Ent­wick­lung der Waf­fen­tech­nik dik­tiert, die sou­ve­rä­ne Ein­zel­na­ti­on, zumin­dest im fort­ge­schrit­te­nen kon­ti­nen­ta­len Euro­pa, ihre geschicht­li­che Sub­stan­tia­li­tät ein­ge­büßt hat. […] Aktu­ell aber ist der Natio­na­lis­mus inso­fern, als allein die über­lie­fer­te und psy­cho­lo­gisch emi­nent besetz­te Idee der Nati­on, stets noch Aus­druck der Inter­es­sen­ge­mein­schaft der inter­na­tio­na­len Wirt­schaft, Kraft genug hat, Hun­der­te von Mil­lio­nen für Zwe­cke ein­zu­span­nen, die sie nicht unmit­tel­bar als die ihren betrach­ten kön­nen.“
(Ador­no, „Was bedeu­tet: Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit“ 1959)

Mitt­ler­wei­le dürf­te kaum ein Zwei­fel bestehen, dass die neue Wel­le von Gewalt und Unter­drü­ckung in der Tür­kei nicht ein­fach eine aus der Kon­trol­le gera­te­ne anti-demo­kra­ti­sche Reak­ti­on auf einen miss­lun­ge­nen Putsch­ver­such dar­stellt, son­dern Teil eines Regime­wech­sels ist, der den Umbau der Tür­kei in einen auto­ri­tä­ren Staat umsetzt. Unter Bezug­nah­me auf einen sou­ve­rä­nen und natio­na­len Wil­len wer­den Insti­tu­tio­nen frei­er Mei­nungs­äu­ße­rung und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen gewalt­sam zer­schla­gen und eine auf dicho­to­men Freund-Feind Unter­schei­dun­gen basie­ren­de destruk­ti­ve Poli­tik vor­an­ge­trie­ben, die die Bevöl­ke­rung wei­ter spal­tet und ihre ver­mit­teln­den Instan­zen abbaut.

Zur detail­lier­ten poli­ti­schen Bestands­auf­nah­me die­ser Ent­wick­lung haben wir Refe­ren­tin­nen aus Istan­bul ein­ge­la­den, die als kri­ti­sche Intel­lek­tu­el­le bereits unmit­tel­bar von Repres­si­ons­maß­nah­men betrof­fen sind und die Tür­kei unter AKP-Füh­rung ana­ly­sie­ren wer­den. Ergänzt wird ihre Per­spek­ti­ve durch Ismail Küpe­lis (Uni­ver­si­tät Bochum) Aus­füh­run­gen zum Ver­hält­nis zwi­schen tür­ki­schem Staat, Kur­den und PKK, sowie die damit ver­bun­de­ne Außen­po­li­tik in Syri­en und Roja­va.

Ringvorlesung „Grundrisse kritischer Wissenschaft. Modelle und Interventionen“

Ankün­di­gungs­tex­te zu den Ein­zel­ver­an­stal­tun­gen

(1) On indis­pensable princi­ples for cri­ti­cal thin­king

Vor­trag von Didier Eri­bon mit einer Respon­se von Chris­toph Men­ke

Diens­tag, 18. Okto­ber 2016, 18 Uhr (c.t), Casi­no 1.801

Aus­ge­hend von zen­tra­len Fra­ge­stel­lun­gen sei­nes 2009 erschie­ne­nen Werks „Retour à Reims“ (dt. Rück­kehr nach Reims, 2016) wird Didier Eri­bon (Paris) im Rah­men des Eröff­nungs­vor­trags die dort ent­wi­ckel­te Ana­ly­se sozia­ler Herr­schafts­me­cha­nis­men ver­tie­fen und sys­te­ma­ti­sie­ren. In die­sem Zusam­men­hang wird er der Fra­ge nach der his­to­ri­schen wie sozia­len Kon­sti­tu­ti­on des Sub­jekts nach­ge­hen und zugleich die For­men poli­ti­schen Wider­stan­des gegen­über den ver­schie­de­nen Gestal­ten von Unter­drü­ckung unter­su­chen. Auf die­ser Grund­la­ge eröff­net Eri­bon die Dis­kus­si­on über die not­wen­di­gen Grund­sät­ze eines jeden Den­kens, das dem Anspruch gerecht wer­den möch­te, kri­tisch zu sein; Chris­toph Men­ke (Frank­furt) wird hier­auf ant­wor­ten.

(Vor­trag und Dis­kus­si­on wer­den in eng­li­scher Spra­che statt­fin­den.)

(2) Natio­nen und Kol­lek­ti­ve: Quo vadis, Tür­kei?

Podi­ums­dis­kus­si­on

Diens­tag, 29. Novem­ber 2016, 18 Uhr (c.t.), HZ 14

Natio­na­lis­mus heu­te ist über­holt und aktu­ell zugleich. Über­holt, weil ange­sichts der zwangs­läu­fi­gen Ver­bin­dun­gen von Natio­nen zu Groß­blö­cken unter der Supre­ma­tie der mäch­tigs­ten, wie sie allein schon die Ent­wick­lung der Waf­fen­tech­nik dik­tiert, die sou­ve­rä­ne Ein­zel­na­ti­on, zumin­dest im fort­ge­schrit­te­nen kon­ti­nen­ta­len Euro­pa, ihre geschicht­li­che Sub­stan­tia­li­tät ein­ge­büßt hat. […] Aktu­ell aber ist der Natio­na­lis­mus inso­fern, als allein die über­lie­fer­te und psy­cho­lo­gisch emi­nent besetz­te Idee der Nati­on, stets noch Aus­druck der Inter­es­sen­ge­mein­schaft der inter­na­tio­na­len Wirt­schaft, Kraft genug hat, Hun­der­te von Mil­lio­nen für Zwe­cke ein­zu­span­nen, die sie nicht unmit­tel­bar als die ihren betrach­ten kön­nen.“
(Ador­no, „Was bedeu­tet: Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit“ 1959)

Mitt­ler­wei­le dürf­te kaum ein Zwei­fel bestehen, dass die neue Wel­le von Gewalt und Unter­drü­ckung in der Tür­kei nicht ein­fach eine aus der Kon­trol­le gera­te­ne anti-demo­kra­ti­sche Reak­ti­on auf einen miss­lun­ge­nen Putsch­ver­such dar­stellt, son­dern Teil eines Regime­wech­sels ist, der den Umbau der Tür­kei in einen auto­ri­tä­ren Staat umsetzt. Unter Bezug­nah­me auf einen sou­ve­rä­nen und natio­na­len Wil­len wer­den Insti­tu­tio­nen frei­er Mei­nungs­äu­ße­rung und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen gewalt­sam zer­schla­gen und eine auf dicho­to­men Freund-Feind Unter­schei­dun­gen basie­ren­de destruk­ti­ve Poli­tik vor­an­ge­trie­ben, die die Bevöl­ke­rung wei­ter spal­tet und ihre ver­mit­teln­den Instan­zen abbaut.
Zur detail­lier­ten poli­ti­schen Bestands­auf­nah­me die­ser Ent­wick­lung haben wir Refe­ren­tin­nen aus Istan­bul ein­ge­la­den, die als kri­ti­sche Intel­lek­tu­el­le bereits unmit­tel­bar von Repres­si­ons­maß­nah­men betrof­fen sind und die Tür­kei unter AKP-Füh­rung ana­ly­sie­ren wer­den. Ergänzt wird ihre Per­spek­ti­ve durch Ismail Küpe­lis (Uni­ver­si­tät Bochum) Aus­füh­run­gen zum Ver­hält­nis zwi­schen tür­ki­schem Staat, Kur­den und PKK, sowie die damit ver­bun­de­ne Außen­po­li­tik in Syri­en und Roja­va.

(3) Indi­vi­dua­li­sie­rung zwi­schen Kon­for­mi­täts­zwang und Wider­stands­po­ten­ti­al

Vor­trag mit Thi­lo Nau­mann (Darm­stadt) und Chris­tia­ne Thomp­son (Frank­furt)

Don­ners­tag, 15. Dezem­ber 2016, 18 Uhr (c.t.), HZ 14

Thi­lo Nau­mann wird zu den öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Dimen­sio­nen der gegen­wär­ti­gen Öko­no­mi­sie­rungs- und Ent­gren­zungs­pro­zes­se und ihrer Wir­kung auf Sub­jek­ti­vie­rungs­pro­zes­se in der Päd­ago­gik refe­rie­ren. In der Dis­kus­si­on wer­den wir uns mit der Fra­ge nach der Mög­lich­keit einer eman­zi­pa­to­ri­schen Päd­ago­gik aus­ein­an­der­set­zen, die gesell­schafts- und insti­tu­ti­ons­kri­tisch vor­geht und Wider­stands­räu­me auf­macht.

(4) ReMar­kie­rung, Ver­un­ein­deu­ti­gung, Ver­viel­fäl­ti­gung. Geschlecht und Sexua­li­tät im Zuge neo­li­be­ra­ler Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se

Vor­trag mit Andrea Mai­ho­fer (Basel)

Don­ners­tag, 12. Janu­ar 2017, 18 Uhr (c.t.), HZ 14

Der Vor­trag ver­han­delt die der­zeit zu beob­ach­ten­de Gleich­zei­tig­keit einer Ver­flüs­si­gung von Geschlech­ter­iden­ti­tät und eines wie­der­erstar­ken­den Bedürf­nis­ses nach ein­deu­ti­gen geschlecht­li­chen Iden­ti­tä­ten, das in aktu­el­len „Anti-Gen­der-Dis­kur­sen“ auf­taucht, die sich gegen Gleich­stel­lungs­po­li­tik, Gen­der-Stu­dies an den Uni­ver­si­tä­ten und Sexu­al­päd­ago­gik rich­ten.

(5) Epis­te­mi­sche Archi­tek­tu­ren. Zu den Denk­for­men der Dia­spo­ra und Kri­ti­scher Theo­rie

Vor­trag mit Almút Sh. Bruck­stein und einer Respon­se von Tho­mas Ves­ting

Mitt­woch, 25. Janu­ar 2017, 18 Uhr (c.t.), HZ 14

Almút Sh. Bruck­stein (Ber­lin) wird in ihrem Vor­trag die kos­mo­po­li­ti­schen Struk­tu­ren rab­bi­ni­scher und ande­rer dia­spo­ri­scher Denk­for­men und ihre Ver­wandt­schaft zur Denk­tra­di­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie expli­zie­ren. Hier­zu über­setzt sie die Denk­mus­ter von rab­bi­ni­schen Tex­ten, von Traum­tex­ten, Dich­tung und Mne­mo­sy­ne als eine beson­de­re Art von Denk­räu­men und gibt einen Aus­blick auf ihre Arbeit in der Gestal­tung von öffent­li­chen Räu­men für Kunst und kri­ti­schen Dis­kurs.

Tho­mas Ves­ting (Frank­furt) wird in sei­ner Respon­se die Bedeu­tung des her­me­neu­ti­schen Ansat­zes für ande­re Wis­sen­schaf­ten, insb. für das Recht her­aus­stel­len und in Bezug zum Begriff des Expe­ri­men­tal­sys­tems set­zen.

(6) (Dog­ma­tik und Dif­fe­renz 2 – Titel folgt)

In der zwei­ten Ver­an­stal­tung Anfang Febru­ar wird Gun­nar Hind­richs (Basel) den Werk­be­griff in der Kunst und des­sen Poten­ti­al für eine sub­jekt­kri­ti­sche Ästhe­tik im Anschluss an Ador­no zur Dis­kus­si­on stel­len.